Sonntag, 26. Mai 2013

Wave Gotik Treffen 2013

Freitag

Wow, ich kann einfach nur sagen: Wow. Bereits 2005 hatte ich den Wunsch, das Wave-Gotik- Treffen in Leipzig zu besuchen und dieses Jahr hatte es sich auch tatsächlich verwirklicht. Zugtickets und Karten wurden recht früh gebucht, ohne überhaupt zu wissen, welche Bands auftreten und wie das Programm aussieht. Aber egal, ich war mir sicher, dass es super wird. Die Wochen vor Pfingsten waren eine Mischung aus Prüfungsstress und großer Vorfreude.
Und dann, Freitag, den 17.05., der Tag nach meiner letzten schriftlichen Prüfung, ging es dann mit

meiner Liebsten auch direkt ins schöne Leipzig. Sechs Stunden und 40 Minuten waren wir, inklusive Wartezeiten, mit Bus und Bahn unterwegs. Die Fahrt durchaus angenehm. Dort angekommen haben wir schon einige Schwarzkittel aller Arten sehen können. Meine Liebste Sophie hat sich gleich am Bahnhof ein Paar pseudo-viktorianische Schuhe gegönnt, die später auch noch zum Einsatz kamen. Meine Cousine, die uns Unterkunft gewährt hat, hat uns dann am Bahnhof abgefangen und zusammen haben wir unsere Bändchen geholt. Danach hieß es: Ankommen und Sachen ablegen. Nach einer guten Stärkung wollten wir natürlich gleich die Stadt erkunden. Es trieb uns also wieder Richtung Innenstadt.

Fest eingeplant war die Autogrammstunde von The 69 Eyes im Städtischen Kaufhaus. Die Adresse hatten wir, der Weg war einfach zu finden, nur der Eingang nicht.
Irgendwann nach mehrmaligem Drumherumlaufen haben uns ein paar ausländische Goths nach der Autogrammstunde gefragt, wir waren also nicht die einzigen Ver(w)irrten. Schlussendlich haben wir dann an einer Säule einen kleinen A4-Zettel mit der Aufschrift „Autogramme WGT“ und Pfeil gefunden. Nun konnte nichts mehr schief gehen. Kurz nach uns kamen auch die Leute von vorhin herein und leisteten uns Gesellschaft. Das Warten hat sich dann definitiv gelohnt. Ich habe mir meinen Backpatch signieren lassen und Sophie hat Fotos von zumindest einigen Mitgliedern und mir gemacht. Danach war ich erst einmal glücklich. Blieb die Frage offen, was wir als nächstes machen, da der Auftritt von The 69 Eyes erst 21:00 Uhr war. 


Nach kurzem Überlegen sind wir zum agra-Gelände gefahren und haben uns dort ein wenig umgesehen. Ich muss beim ersten Eindruck einigen Kritikern Recht geben. Abgesehen davon, dass überall Anhänger der Schwarzen Szene in allen erdenklichen Varianten rumlaufen und Fotografen nicht weit weg sind, machen die Stände den Eindruck eines Rummels. Der Platz ist gespickt von Fressbuden und Getränkeständen. Okay, die Leute wollen versorgt werden.
Die Einkaufshalle war im Prinzip wie erwartet. Stände mit Klamotten, Schuhen, Schmuck, Stände mit reinem Steampunkzubehör und SM-Zubehör. Zu unserer Freude gab es aber auch einige Stände mit CDs und Platten, teilweise von Urgesteinen der Szene und anderen guten Künstlern. Habe da meiner Liebsten das „Nosferatu“-Album „Lord of the Flies“ gekauft, worüber sie sich sehr freute.
Leider habe ich kaum Buttons und Patches gefunden, die mich wirklich angesprochen haben. Was an Patches vorhanden war, waren nur die, die man sonst auch überall findet und meiner Meinung nach eigentlich ziemlich fehl am Platz waren.
Dennoch habe ich an einem Stand meinen Bestand an Buttons und meine Jacke um einen Patch aufbessern können. Dann war es auch schon bald an der Zeit, zu The 69 Eyes zu gehen. Durch die Halle konnten wir leider nicht, da die Verbindung lediglich als Ausgang diente. Daher mussten wir einmal um die Halbe Halle herumlaufen und durch den offiziellen Konzerteingang reingehen. Letzter Soundcheck und kurz darauf ging es dann auch los. Die Jungs, denen ich nachmittags noch die Hand geschüttelt habe, standen jetzt ein paar Meter vor mir auf der Bühne und spielten Songs, die ich teilweise noch nicht kannte, machten ihre Sache aber super. Meiner Liebsten wurde es etwas zu viel, woraufhin wir zwar die Halle erst verließen, jedoch in der Nähe blieben und auf der Wiese sitzend, mit einem Teller „Chilli non carne“ vom Veggie-Stand, noch ein wenig Musik mitbekamen.



Samstag (Ian-Curtis-Gedenktag)

Das Wetter am Morgen war genau so, wie wir es nicht wollten: Regnerisch. Nach einem guten Frühstück sind wir unter einem schwarzen Spitzenschirm zum Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen gelaufen. Dort erwartete uns die Ausstellung „Kinder der Nacht – unangepaßt und überwacht“ - Schwarze Szene in der DDR. Die Ausstellung war in einem Wort: Grandios!
Im Foyer wurde eine zusammenfassende Powerpointpräsentation der ausgestellten Unterlagen gezeigt. In den oberen Stockwerken ging es dann tiefer in die Materie „Gruftie“. Es wurden Ausschnitte aus Akten, Fotos und Zitaten gezeigt, die im Kern oft das Gleiche aussagten, jedoch kein einheitliches Bild der Szene zeigten. Es hatte den Anschein, dass die Stasi-Mitarbeiter sich nicht einig darüber waren, wie Grufties einzuschätzen sind. Mal waren sie staatsfeindlich, satanisch, negativ und dekadent oder harmlose Spinner. Ich habe nebenbei dadurch auch erfahren, dass §220 des StGB in der DDR die Staatsverleumdung, die den Schwarzkitteln so vorgeworfen wurde, unter Strafe stellte.
Hauptsächlich wurde das Aussehen der „Goortiks“/“Gruftys“ und „Luciferjünger“ beschrieben, sowie die üblichen Klischees von Friedhofsvandalismus, Suizid und Ratten als Haustieren bedient. Nebenbei haben wir auch unseren musikalischen Horizont erweitert und Künstler wie „The Chur“, „The Cuve“, „The Cur (ausgesprochen De Kühr)“ [Ich gehe stark davon aus, dass es sich bei letzteren um Coverbands der „Churs“ handelt], The Sister of Merci aus der BRD [vermutlich angelehnt an eine nach Pralinen süchtigen Nonne], „Depache Mode“ und „Ellen Klag“ kennengelernt. Insgesamt stehen Grufties auf „müstische Musik“, wie etwa „Blake Medall“.
Des Weiteren wurden wir darüber aufgeklärt, dass ein richtiger Gruftie mit 25 sein Leben beenden muss, aber alternativ auch eine Ehe eingehen kann, da damit ja auch das Leben beendet sei.
Wichtig zu wissen ist auch, dass sich Grufties bevorzugt mit NUT-Reinigungsmittel und ihrem „Möhrensaft“ berauschen.
Wer mir das nicht glauben will, der werfe selbst einen Blick in die Akten.
Anzumerken ist, dass wohl die meisten dieser Klischees auch der Wahrheit entsprachen. Man weiß nicht wirklich, was amüsanter sein soll: Die Tatsache, dass die Stasi nicht einmal Rechtschreibung und Grammatik beherrschen musste, oder die Tatsache, dass die damaligen Szenegänger tatsächlich ernst meinten, was sie da sagten und taten: „Satan gibt mir nicht die Kraft, so viel zu essen, wie ich auf die DDR kotzen muss“.(Zitat aus der Powerpointpräsentation)


Anschließend ging es mit meiner Cousine Ruth und zwei ihrer Freunde in ein schnuckliges, kleines Bistro namens „Tasty Fresh“ in der Nähe des Städtischen Kaufhauses. Das Essen dort war so spitze, dass es uns am nächsten Tag nochmal dort hintrieb. Auf dem Weg dahin sahen wir noch einen Mob Schaulustiger. Es stellte sich heraus, dass die bestaunte Attraktion eine mit Dampf angetriebene Metall-Maus/-Ratte war. Wohl eher eine Ratte, da ja jeder Gruftie eine Ratte besitzen muss.
Das Wetter hatte sich inzwischen wieder gebessert und der schwarze Spitzenschirm fungierte nun als Sonnenschutz.
Trotz Widerwillen ließ sich Sophie an der Moritzbastei von ein paar Leuten ablichten. Auch dort wurde – ähnlich wie an der agra – exzessives Schaulaufen betrieben.
Danach machten wir uns auf dem Weg zum Viktorianischen Picknick, stellten aber nach endlosem Suchen fest, dass das Freitag schon stattgefunden hatte und auch generell nur einmal stattfindet. Das von uns gesuchte Picknick war ein anderes, dessen Name mir aber nciht mehr einfällt. So setzten wir uns einfach in den Park und genossen die Sonne.

Abends ging es schließlich zum Konzert der türkischen Wave-Band „She Past Away“ im Anker. Zu unserer Überraschung trafen wir dort Robert und Sabrina von spontis , sowie weitere nette Spontis-Sympathisanten. Es war doch unerwartet, wie voll es bei diesem Konzert war, wo She Past Away doch noch eine recht junge, unbekannte Band zu sein schien.
Auf der Bühne waren „nur“ der Sänger/Gitarrist und der Bassist; Drums und Synths kamen vom Band. Das Konzert hat mir durchaus gefallen, auch wenn fast alle Lieder ähnlich klangen. Im Rückblick war es sogar das einzige Konzert, welches wir komplett gesehen haben.



Nach dem Konzert sind wir noch einmal zur agra gefahren, um dort noch ein wenig zu konsumieren und in der Hoffnung, dass ich noch ein paar Fotos schießen könnte. Allerdings war es bei unserer Ankunft bereits zu dunkel dafür und wir sind gleich in Richtung Einkaufsmeute gewandert. Mit ein paar Shirts mehr im Gepäck haben wir uns dann noch einen Teller Chilli schmecken lassen und uns danach auf den Heimweg begeben.

Sonntag

Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zum Südfriedhof. Der war eigentlich auch für Samstag geplant, aber das wäre zu viel gewesen.

Das Wetter war fantastisch; Sonne, wenig Wind, warm. Perfekt zum Erkunden ohne zu viel mitzuschleppen. Angekommen sind wir am Völkerschlachtsdenkmal, welches wir uns dann auch genauer angesehen haben. Allerdings haben wir keine Tafel mit Infos gefunden und an der Info wollten wir auch nicht stundenlang anstehen. Etwas enttäuscht liefen wir dann direkt zum Friedhof. Ohne ein Ziel vor Augen sind wir losgelaufen. Die Atmosphäre war verträumt und romantisch. Hier und da habe ich schöne Fotomotive gefunden und Sophie durfte ebenfalls posieren. Auf irgendwelchen Umwegen haben wir dann auch die Trauerhallen erreicht, wo schon wieder sehr tatkräftig gepost und fotografiert wurde. Die Fotographen waren allerdings auch so sehr damit beschäftigt, ein halbnacktes Model zu knipsen, dass wir völlig außen vor waren und unsere Ruhe hatten. Mich selber hat dann das Gebäude doch mehr interessiert. Hier haben wir uns ausgeruht, da es inzwischen heiß wurde und wir natürlich den Weg mit dem wenigsten Schatten gegangen sind (was mir aber auch ein gutes Foto beschert hat). Nach kurzem Aufenthalt ging es wieder weiter in die Tiefen des
Friedhofes. Ein Motiv nach dem anderen war zu finden und unser Weg noch immer unbestimmt. Bald haben wir eine kleine Mauer vor einem Teich an der Rückseite der Trauerhallen erreicht. Hier verweilten wir wieder einen Moment, als ein Mann mit orange/grünem Bart ankam und uns fragt, ob er ein Foto von uns machen könnte, auch mit meiner Kamera. Nach dem Einstellen der Kameras und einer Plauderei waren die Fotos schnell gemacht und man trennte sich wieder. Wir zogen wieder in Richtung Hallen und von dort aus auch bald wieder zur Tramstation.

Von dort machten uns auf die Suche nach Knabbereien für das anstehende Spontis-Treffen, bis wir auf die Idee kamen, dass sämtliche Läden geschlossen waren. Gestärkt durch einen erneuten Besuch beim „Tasty Fresh“ und der Autogammstunde von The Birthday Massacre hieß es dann: Ab zum Treffen! Es waren bereits ein paar Leute da, jedoch nicht so viele, dass wir sofort die richtige Gruppe ausfindig machen konnten. Wir wurden äußerst freundlich empfangen. Neben Robert und Sabrina haben wir auch noch andere bekannte Gesichter vom Vorabend oder aus Frankfurt (Spontis-Treffen im Städl zur schwarz-romantischen Ausstellung) getroffen. Anfangs fühlten wir uns noch nicht völlig drin und waren eher für uns, aber nach und nach wurde immer es lockerer. Auch hier wurden wieder viele Fotos gemacht und posiert, jedoch auf einer anderen Ebene ;). Am Interesantesten empfand ich unsere Begegnung mit Parm und Katharina vom Schemenkabinett, da die beiden ebenfalls aus Gießen kommen und Sophie und mich zumindest vom Sehen her kennen. Wieder einmal hat sich gezeigt, wie klein die Welt doch ist. Robert und Sabrina haben außerdem ihre Spontis-Zeitung verteilt und es gab noch den jährlichen Button. Sogar Herr Florian von Karnstein (Farblos) und seine Liebste Libbit ließen sich bei der Gruppe blicken, wenn auch nur in Vertretung durch einen Erpel und eine Ente; ein Insider, den wir zwar bereits kannten, aber erst beim Treffen erklärt bekamen. Einige Gespräche, Lacher und Fotos später war es Zeit für das obligatorische Pikes-Foto. Da nicht alle Pikes hatten, gab es auch noch genug Leute, die das ganze fotografieren konnten. 



Das Treffen näherte sich bald auch langsam aber sicher dem Ende und so machten wir uns auch schweren Herzens auf den Weg. Wieder zog es uns zur agra, um sämtlichen Freunden etwas mitzubringen. Es war bereits Frühabend und so schlenderten wir noch gemütlich auf dem Gelände und in der Einkaufshalle herum, wo wir auch noch fündig wurden. Die Zeit verging ziemlich schnell und eigentich wollten wir noch zu The Birthday Massacre, die 20:30 Uhr in der agra-Halle spielten. Allerdings meldete sich Ruth kurz vor dem Konzert und brauchte ihren Schlüssel, den ich dabei hatte. Daheim angekommen bin ich auch gleich wieder alleine weg, da Sophie zu müde war. Ich wollte mich noch mit meiner Schulkameradin Sabina auf der agra treffen. 22:10 Uhr war ich endlich wieder zurück und gemeinsam mit ihrem Freund und weiteren Leuten sahen wir uns Lacrimosa an und sind später ins Heidnische Dorf gewandert, mein erster Besuch überhaupt hier. Leider hat es kurz vor 11 Uhr angefangen zu regnen. Kurz darauf trennten wir uns und ich fuhr heim. Dennoch war es ein schöner Abend, wobei ich überfüllte Straßenbahnen mit nervenden Leuten nach wie vor nicht mag.

Montag

Tag der Abreise. Zum einen habe ich die Zugtickets so gebucht und zum anderen hätte es unser Terminplan auch nicht anders zugelassen. Leider, denn montags war noch gutes Programm und ich hatte mich sehr auf The Other gefreut. Alles Jammern und Klagen bringt auch im Nachhinein nichts und so haben wir es auch gelassen. Wir fuhren also gestärkt zum Bahnhof und von dort wieder ins Hessenland, um dem Alltag zu begegnen – oder einen neuen zu schaffen. Ich denke, dass ich ohne die Erinnerungen, Erlebnisse und gewonnenen Erfahrungen nicht damit angefangen hätte, hier zu schreiben - oder zumindest nicht sofort.

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